EIN HAUS.

Ein leerstehendes Haus wird von neun Künstlerinnen erforscht und interpretiert. Wie wurde hier gelebt und gearbeitet? Was wissen die Wände eines Zimmers? Das Haus wird zu einem begehbaren Kunstobjekt. Sie sind herzlich eingeladen, die Ergebnisse dieses Prozesses in Form von Objekten, Installationen und Interventionen zu erleben.
Von links:
HANÌNGA THIEL, BABETT SCHWADERER, ASTRID CLASEN, BETTINA SCHILLING, JULIA DA FRANCA, BRITA KÄRNER, ANGELA HARTIG, UTA HELENE GÖTZ, IRMHILD SCHWARZ

Grußwort der Stiftung Niedersachsen
Kunst kann uns fast überall begegnen – nicht nur in Museen oder in Kunstvereinen, auch an den ungewöhnlichsten Orten. In Dannenberg haben neun Künstlerinnen in diesem Sommer ausrechnet in einer ehemaligen Fleischerei einen besonderen Kunstort geschaffen. Mehrere Wochen lang hat das Kollektiv KX07 das leerstehende Haus bespielt und versucht, mit Installationen, Objekten, Zeichnungen, Malereien und Interventionen seine Eigenarten zu erfassen und neu zu interpretieren. Das Motiv des Hauses in seiner Funktion als zuhause, Schutzraum, Statussymbol oder Spekulationsobjekt bietet dabei zahlreiche Anknüpfungspunkte für diverse gesellschaftlich relevante Themen, zu denen Menschen unterschiedlichen Alters oder Herkunft einen ganz eigenen Zugang finden. Auch deswegen hat die begehbare Installation wohl so viele Besucher*innen erreicht und in den Bann gezogen. Als Stiftung Niedersachsen freuen wir uns, dass wir dieses besondere Projekt fördernd begleiten durften, zumal EIN HAUS. eindrücklich gezeigt hat, dass spannende Kunstorte in Niedersachsen auch abseits der großen Städte zu finden sind. Herzlichen Dank an die Künstlerinnen der Gruppe KX07, an die Stadt Dannenberg und an den Hauseigentümer, die sich gemeinsam auf dieses außergewöhnliche Experiment eingelassen haben.
Amke Wollers
Referentin für Kunst und Museen der Stiftung Niedersachsen
RUNDGANG ERDGESCHOSS
LADENRAUM
ANGELA HARTIG MORTADELLA IN MOTION
BETTINA SCHILLING SERVIERERIN UND GLÜCKLICHE SCHWEINE
IRMHILD SCHWARZ NICHT VERGESSEN!
FLUR 1
BETTINA SCHILLING GEKACHELTER ÜBERGANG
ANGELA HARTIG UNSER NEUESTES FLIEGENDEKOR
KÜCHE
ASTRID CLASEN VORRÄTE
Ort: die Küche im Erdgeschoss einer früher gut gehenden Schlachterei in Dannenberg.
Meine Installation beschäftigt sich mit den Vorräten der Hausmäuse. Sie lebten hier gefährlich – ich fand Mausefallen in der Schublade des Küchenschranks und fragte mich, ob sie auch Vorratskammern anlegten, so wie ihre Hausherren. In der Tiefe des Küchenschrankes oder in der Speisekammer, wo die Fliesen sich gelockert hatten? Wie sahen die Mäuse aus und wie ihre Vorratskammern? Zu meiner Installation gehört folgender Brief:
Puttball, den 3.2.2025
Liebe Frau Clasen!
Eigentlich habe ich ein gutes Gedächtnis, aber ich kann mich nicht erinnern, in welchem Jahr genau das war. Ich weiß nur noch, es war ein verregneter Sommer und der Urlaub war für die Katz. Wir sind bloß 14 Tage weg gewesen. 2 Wochen lang hatten wir geschlossen. Als wir wiederkamen, sah ich sofort diese Bescherung in der Küche. Wie haben die das nur geschafft? Wie konnten Mäuse sowas anstellen? Waren das etwa gar keine Mäuse? Normale Einbrecher waren das nicht, dann hätte das hier im Haus ganz anders ausgesehen. Erklären kann ich mir das immer noch nicht. Jedenfalls habe ich den Kram damals mit nach Hause mitgenommen. Der Chef wollte ja alles wegschmeißen.
Sie haben mir geschrieben, dass Sie jetzt in den verlassenen Räumen eine Ausstellung machen wollen. Meine ganze Sammlung übergebe ich Ihnen zu treuen Händen. Ich freue mich darauf, diese Dinge am alten Ort noch einmal wiederzusehen. Vielleicht haben Sie es ja so aufgebaut, wie ich das damals gefunden habe.
Liebe Grüße sendet Ihnen Ihre Elfriede Puttfarken
JULIA DA FRANCA FLEISCH FRESSENDER HASE zu Gast in der Küche
HOF 1
BRITA KÄRNER LEERE TÖPFE
BETTINA SCHILLING DIE MACHT VOM GRÜN IM HINTERHOF UND IM 1. STOCK
SCHLACHTRÄUME
IRMHILD SCHWARZ OHNE TITEL
BABETT SCHWADERER MENSCHENBILDER – HÄUTE
Das Malen auf Leinwand mit Farbe und Pinsel ist dem Lausen der Affen und dem Kraulen verwandt, es ist eine Wertschätzung des einzigartigen Wesens hinter dem Anblick, unverwechselbar individuell in Haltung und Ausdruck. Das gemalte Bild hat keine pulsende Zelle, kein echtes Blut und strahlt doch Lebendigkeit aus! Zuweilen lebt es nicht ewig… Diese hat ein Unglück ereilt, nun hängen sie kopfüber, fast wie geschlachtet - und geben ihre farbige Energie in den Raum, erfüllen ihn mit wesenhafter Anmutung. Was wir sind, bleibt in der Welt, unser Bild von allem wandelt sich stetig.
HOF 2 MIT STALL
RÄUCHERKAMMER + KÜHLRAUM
KLEINER VORRATSRAUM
ANGELA HARTIG | FRIEDLICHE TIERSTIMMEN
ZERLEGERAUM
BRITA KÄRNER MEIN LEBEN WAR AUF WIESEN…
BABETT SCHWADERER ANS EINGEMACHTE! ZERLEGUNG ZWISCHEN ORDNUNG UND CHAOS
Hier geht es ans „Eingemachte“. Wird ein Ganzes in Einzelteile zerlegt, steckt im kleinsten Teil die Energie des Ganzen… Zerteilen und Fügen scheint menschlich zu sein. Nach 40 Jahren menschlicher Verwendung hat die Wolle eines fast schwarzen Schafs noch immer einen aktiven Charme bis in die kleinsten Fusseln!
FLUR 2
ANGELA HARTIG MUSTERN
ASTRID CLASEN LUST ZU SEIN
KLEINE KAMMER
UTA HELENE GÖTZ FEIERABEND - NACH DER ARBEIT
RUNDGANG 1. ETAGE
ESSZIMMER
BRITA KÄRNER EINE LANGE GESCHICHTE
IRMHILD SCHWARZ IN DIE HAUT GERITZT
JULIA DA FRANCA EULE MIT SPRUCHBLASE, OHNE TITEL, JÄGERSCHICKSAL
KÜCHE
UTA HELENE GÖTZ KÜCHENWUNDER: WEISS
ROSA ZIMMER
UTA HELENE GÖTZ Installation 2 FAMILIE | EIN VERSUCH
Ich habe die Spuren der letzten Mieter interpretiert. Die Geschichte, die sie mir erzählten deprimierten und rührten mich gleichzeitig:
Die Menschen müssen arm gewesen, haben aber versucht, es sich » so schön wie möglich « zu machen. Dafür sprechen die rosa Farbsegmente an den Wänden. Wand-Tatoos in Schmetterligsform flatterten, vielleicht, über dem Kinderbett. In Ermanglung von Zeit und Geduld gab es Kuscheltiere. Der Fußboden besteht aus Plastik Klick-Parkett. Kunststoffleisten begrenzen ihn und die Tapeten. Ich vermute, dass hier auch das Elternbett stand. Dass hier gestresstes Paar wohnte, schließe ich aus der faßt eingetretenen Tür, die die angrenzende Nasszelle von diesem Zimmer trennt. Auf der Tür ist noch ein Zeichen von Gestaltungswillen: Das Wand-Tatoo > Pipi Lounge <.
Der Ausblick aus dem »nackten« Fenster geht über den kleinen Balkon mit Wäscheleine, über den Innenhof weiter zu den Gebäuden des Schlachthauses…puhhh!
Vielleicht ist meine Interpretation nur der Spiegel der eigenen Nachkriegskindheit. Mag sein. Vielleicht habe ich gerade deshalb eine so große Hochachtung
vor Menschen, die versuchen, es sich trotz der »Umstände« - mit ihren Mitteln - »schön zu machen«. Klar ist, Armut streßt.
CUT OFF
An verschlossenen Türen lauscht man (nicht!) Installation 2a HÖRSPIEL VON PETER BAUHAUS (Länge ca. 1'40)
Badezimmer-Akustik, Gereizte Stimmung. SIE schneidet IHM die Haare, raucht dabei eine Zigarette // ELEKTRISCHER HAARSCHNEIDER // ENDE // SCHNIPPELN EINER SCHERE //
ER: (hustet) Entschuldige, aber kannst du den Rauch woanders hin pusten? SIE: Tu ich doch! ER: Nein, tust du nicht... (Pause) Ausserdem wolltest du aufhören. SIE: Und du wolltest aufhören, mir Vorschriften zu machen. ER: Das sind doch keine Vorschriften. Aber angenommen, du bist wirklich... SIE: (schnell) Bin ich nicht! (Pause) ER: Sicher? SIE: Ja, sicher. ER: Aber du sagst, du bist eine Woche drüber. SIE: Ja. Das passiert öfter mal. Aber wenn es dich beruhigt: ich mach einen Test. ER: Jetzt? Hast du einen da? SIE: Nein, nicht jetzt. Ich werd mir doch nicht das Fest verderben. // FORTSETZUNG SCHNIPPELN // ER: Du bist dir also nicht sicher. (Schweigen) Gesa?! // Schnippeln wird unterbrochen / SCHALTERGERÄUSCH // MUSIK: ABBA, "Dancing Queen" // ER: Oh, bitte nicht! Gesa! // HEFTIGES STUHLRÜCKEN // BEWEGUNG // SCHALTERGERÄUSCH + MUSIK-ENDE // SIE: Was soll das?!! Mach das wieder an! (keine Reaktion) Sven - mach das bitte wieder an !!! (keine Reaktion) // GERANGEL // STUHLGERÄUSCH // KLIRREN GLAS // ER: Na super! Weisst Du, was so 'ne Flasche kostet?! SIE: Ja, war das meine Schuld? ER: Natürlich war das deine Schuld! Du hast... SIE: (unterbricht) Ich hab dich freundlich gebeten... ER: Du hast mich angeblafft! (kurze Pause) SIE: Ach, weißt du was? Geh doch alleine auf das blöde Fest. // KLIRREN DER SCHERE // STUHLRÜCKEN // ER: (ruft, bittend) Gesa!! (Pause / stöhnt) Okay... Okay... (deutlich) Es_tut_mir_leid.(Pause) // STUHLGERÄUSCH // (LOOP)
Idee: U.H. Götz | Text + Regie: Peter Bauhaus | Sie: Verena Reichhardt | Er: Gero Wachholz
FLUR 1
BRITA KÄRNER AUGENBLICKE
FLUR 2
BABETT SCHWADERER ERGRAUEN - EIN LIED IN REAGENZGLÄSERN
Material:
Kükendraht, Haare, Reagenzgläser und allerlei erzählerische Kleinigkeiten. 2005-2025
Haare können Schutz sein, Schmuck und Kleid- wenn es sein soll, mit fremden Federn und Farbe- Sie sind stark und sagen viele Jahre lang unter dem Mikroskop die Wahrheit, sie wachsen noch nach dem Tod, wie Fingernägel auch… Ein Mensch kann viele Abenteuer mit ihnen erleben und sich selbst immer wieder neu. Das Sammeln und Anerkennen vom Verschwinden der Farbpigmente im Haar macht hier das Ergrauen zu einer Feierlichkeit und berichtet in musikalischer Anmutung von Abenteuern, Leid und Freuden.
BADEZIMMER
BABETT SCHWADERER ZEIT FÜR WUNDER - EIN SPIEL. MUSTERGÜLTIG MIT ZWISCHENTÖNEN
Hier gab ich meiner Lust nach, auf vorgefundene Muster und Strukturen mit einem Spiel zu reagieren.
BALKONZIMMER
BETTINA SCHILLING DIE MACHT VOM GRÜN IM HINTERHOF UND IM 1. STOCK
KLEINES ZIMMER
IRMHILD SCHWARZ
RUNDGANG 2. ETAGE
FLUR
BABETT SCHWADERER SCHATZWAND
Das Pulen der Tapeten war meistens nicht erlaubt. Mir wurde von Menschen berichtet, die in Kriegs/ Nachkriegszeiten in Not das Papier von der Wand in den Mund kratzten- Dagegen hatte ich in diesen Wochen des Aufbaus eine feudale Lizenz zum freudvollen Pulen dieser Wandkleider- Schichten Forschende Neugier legt kleine Entdeckungen und große Visionen frei und manch ein unvermuteter Schatz offenbart sich. Auf einem alten Flur kreuzen sich viele Wege und Ebenen. Immer neue Szenarien entwickeln sich am selben Fleck! Zwischen den Schichten erfinden sich Geschichten, um gleich darauf wieder zu verschwinden- Ein Paradies für die „Tapetenleute“, sichtlich haben sie diese Zeit genossen...
WOHNZIMMER
ANGELA HARTIG SHELTER
Ein provisorisch zusammengengebauter Unterschlupf, halb Zelt, halb Hütte, mit Wolldecken unzulänglich geschützt, ruft Assoziationen von Kinderspiel oder Flüchtlingsdrama hervor. Die leeren Rähmchen an der Wand wie auch das zeichnerisch gelöschte Landschaftsbild deuten Verluste und Verlorenheit an.
Was bedeutet Heimat? Wo darf ich sein? Wo will ich sein? Landkarten verheißen unüberschaubar viele Optionen, die doch vage bleiben und womöglich unerreichbar sind. Die Frage von Geborgenheit bezieht sich sowohl auf die physische als auch die psychische Existenz des Menschen.
KINDERZIMMER
JULIA DA FRANCA WILFRIED KUMMER´S GEHÄUSE, ODER: VOM SEIN OHNE ZU WERDEN
SCHLAFZIMMER MIT BAD
HANINGA THIEL DAS RAD DER ZEIT
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EINBLICKE IN DEN AUFBAU
ANNÄHERUNGEN AN
EIN HAUS.
KX07 dankt Frau Ursula Fallapp von der Samtgemeinde Elbtalaue für ihre tatkräftige Unterstützung
und den Sponsoren ohne dessen Hilfe diese Ausstellung nicht möglich gewesen wäre.
An dieser Seite wird noch gearbeitet ... ... ... wir bitten um etwas Geduld











































































































